Die Relevanz der Doktoranden.

Vergangenes Jahr im Spiegel: Die Situation der Doktoranden im Deutschland. Einer der besprochenen Aspekte: die Jobaussichten. Irgendwo zwischen den Zeilen zu lesen: Wirklich schlecht sind sie nur für die Geisteswissenschaftler, vielleicht noch für Sozialwissenschaftler und die Medien-/Publizistikdoktoranden. Was fehlt: Die Fächerschere zwischen Naturwissenschaften im weitesten Sinne (also alles, was aus dem Quartett Mathematik-Physik-Biologie-Chemie besteht oder darauf aufbaut) auf der einen Seite und Geisteswissenschaften auf der anderen. (Aussparen will ich an dieser Stelle Sozialwissenschaften und Medien-/Publizistikfächer. Irgendwie bewegen sich diese Fächer im Mittel. Es gibt die, denen es gut geht. Es gibt die, denen es nicht so gut geht. Die Gründe dafür sind mir grade noch etwas unklar.) Gar nicht erwähnt werden interessanterweise die Wirtschaftswissenschaften.

Neulich in der Berliner Zeitung: Doktoranden in Deutschland. Der Untertitel: "Oft steckt nicht der Wunschberuf Wissenschaftler hinter dem Erwerb des Doktortitels, sondern reine Verlegenheit". Im Artikel werden die Berufsaussichten der Doktoranden aufgezeigt: Naturwissenschaften top, Geisteswissenschaften flop. Was im Artikel fehlt: Die explizite Widerlegung des Untertitels. Denn dem Artikel folgend trifft die Aussage des Verlegenheits-Doktortitels nur für die Geisteswissenschaftler zu. Naturwissenschaftler im weitesten Sinne haben nach wie vor bessere Verdienstchancen und müssen sich um eine mögliche Überqualifizierung keine Sorgen machen. Der Doktortitel wird hier sowieso im selteneren Falle als Tor zur akademischen Karriere angestrebt.

Warum aber wird die Fächerschere in beiden Artikeln nicht als das benannt, was es ist: eine Fächerschere. Nicht erst seit gestern ist bekannt, dass Länder und Universitäten bevorzugt bei geisteswissenschaftlichen Fächern sparen, obwohl diese die kostengünstigeren Fächer sind. Nicht erst seit gestern ist es ein offenes Geheimnis, dass diese Sparwahl entlang den Linien wirtschaftlicher Verwertbarkeit erfolgt (rhetorisch auch gerne als "gesellschaftliche Notwendigkeit" bezeichnet). Was also haben die Schreiber der beiden Artikel davon, diese Fächerschere nicht in ihrer Argumentation einzubinden? Beim Spiegel-Artikel ist es noch halbwegs egal. Hier geht es vornehmlich um die Situation der Doktoranden während ihrer Schreibphase und hier sieht es offenbar auf allen Seiten beschissen aus. Beim Artikel der Berliner Zeitung aber gilt die These der bescheidenen Berufsaussichten im akademischen Bereich für alle Fächer. Was sogar stimmen mag, nur geht es darum im Artikel nicht.

Soll die fehlende wirtschaftliche Verwertbarkeit der Geisteswissenschaften unter den Teppich gekehrt werden? Aber warum? Vielleicht, weil die Geisteswissenschaften selbst keine Antwort auf dieses Argument haben? Weil es so wenige Akademiker schaffen, die gesellschaftliche Relevanz der Geisteswissenschaften plausibel nach außen zu erklären? Weil beim Suhlen im eigenen Sumpf auch wirklich keine guten Argumente der gesellschaftlichen Relevanz zu finden sind?

Viel sinnvoller wäre es gewesen, noch ein bisschen tiefer zu graben. Zu fragen, warum so viele Geisteswissenschaftler, mit Magister und Master ausgestattet, nicht das Gefühl haben, dass sie nach und mit diesem Studium irgendetwas anfangen können. Damit will ich keineswegs behaupten, dass alle nur noch Naturwissenschaften im weitesten Sinne studieren sollen. Au contraire. Wir brauchen die Menschen, die aus dem Studium der künstlerischen Verarbeitung der Welt (denn das ist Kunst: eine Auseinandersetzung in und mit den Phänomenen, die uns in dieser Welt begegnen, egal ob privat oder öffentlich), die also die Erkenntnisse aus diesem Studium wieder in die Welt hineintragen. Völlig egal, ob diese Erkenntnisse dann in NGOs, Kunstbetrieben oder Medienagenturen zum Einsatz kommen.

Eine Möglichkeit dafür wäre es, eine Standardfrage der Textinterpretation aus guten, alten Schulzeiten auch in der Uni häufiger zu stellen, nämlich: Welche Relevanz hat dieser Text und seine Thematik in der heutigen Zeit?

Ohne Eintrittskarte?

Einen besseren Start für die Assoziation Abschlussloser als die Plagiatsdiskussion und den Doktortitelverlust des deutschen Verteidigungsministers kann ich mir kaum vorstellen. Passt diese Aufgeregtheit doch hervorragend zu einem unserer Ziele, nämlich den Wert von Abschlüssen zu reflektieren. So gesehen gefällt mir die Feststellung, daß der Verteidigungsminister für seine politische Karriere den Doktortitel gar nicht erst hätte erwerben müssen, am besten.

Aber die Sache hat natürlich noch mehr Facetten: die Glaubwürdigkeit eines Politikers, der sich mit Verantwortung 1 profilieren will und sein Gewissen scheibchenweise als letzten Ausweg präsentiert. Die Aushöhlung bürgerlicher Werte wie z. B. Autorität, mit deren Anerkennung sich seine Partei bei ihren Wählern bewirbt und deren letzter verbliebener Hort doch der Bendlerblock mit seiner starken Truppe sein sollte. Da er nicht an einer Bundeswehr-Universität studiert hat, ist wenigstens ein anderer seiner "Titel", der Dienstgrad des Stabsunteroffiziers der Reserve, nicht in Gefahr. Der Vertrauensbruch gegenüber seinem Doktorvater. Die Attitüde, mit der ein Doktortitel vorübergehend abgelegt werden sollte, bevor er letztendlich verschmäht wurde für die Ewigkeit. Spekulationen über Ghostwriter im wahrsten Sinne des Wortes. Die Düpierung eines traditionsreichen Berliner Wissenschaftsverlags, in dessen Online-Shop die Dissertation nicht mehr auftaucht. Eine oberfränkische Universität, die Teile eines Webvideos umarbeiten lässt. Deren Promotions-Abschluß hinsichtlich seines wissenschaftlichen Wertes in Frage gestellt ist, wie das Wortspiel "Buyreuth" verdeutlicht. Und die sich von der Bundeskanzlerin Frau Dr. Merkel anerkennen lassen darf, "der Linie dessen, was der Verteidigungsminister vorgegeben hat" entsprochen zu haben. Die seismischen Wellen, die sich bis in die Grundfesten der Wissenschaft selbst ausbreiten, verkörpert durch einen Antagonisten in der politischen Arena:

Wie in der aktuellen Stunde des Bundestags bei der Befragung des Plagiatsverdächtigen zu Tage trat, hatte dieser sich auch mit dem Wiki GuttenPlag beschäftigt: ist es in diesem Kontext noch ernstzunehmen, wenn er die Qualität der crowdgesourcten Verdachtsmomente in ihrer Stichhaltigkeit klassifzieren möchte? Ein allzu fadenscheiniges Unterfangen, auch wenn eine Prüfung fraglos erfolgen sollte. In einer Ausgabe des Podcasts HR2 - Der Tag wird dem Freiherrn zu Guttenberg denn auch ein vorbürgerlich-feudales Urheberrechtsbewußtsein attestiert, "wo Wissen in den Händen derer war, die die Macht hatten. - Und die nur vor Gott verantwortlich sind."2

Da die Vergabepraxis der Titel nun als nicht für alle gleich gültig wahrgenommen wird und der Internet-Schwarm genügend Ressourcen zur Überprüfung bereitstellt, ist es naheliegend, auch die Dissertationen anderer Politiker "unter die Lupe zu nehmen". Diejenige von Kristina Schröder beispielsweise wird in dem Podcast SWR2 Forum erwähnt:

"Ich sag jetzt mal einen 2. aktuellen Fall, da hat sich kaum jemand drüber aufgeregt. Unsere Bundesfamilienministerin. Die hat nun bei einem sehr renommierten Politikwissenschaftler hier in Mainz promoviert. Die Arbeit sah so aus: sie hat über CDU-Mitglieder geforscht. Die Stichprobe, die sie untersucht hat, ist von der Bundesgeschäftsstelle der CDU gezogen worden, die Fragebögen sind von derselben Geschäftsstelle verschickt worden. Die Auswertung hat ein Mitarbeiter ihres Doktorvaters gemacht. Das heißt, wenn überhaupt, hat sie nur den Text selber geschrieben und da kann man auch gewisse Zweifel haben." 3

Was sind diese Eintrittskarten noch wert? Im Zweifelsfall so viel, wie der Ghostwriter verlangt? Oder soviel, wie das zu erwartende Einkommen der gewünschten Karriere zu versprechen scheint? Und was soll mit diesen Titeln bewiesen werden, ausser einer diffusen Zugehörigkeit? Zugehörigkeit wozu? Andere Plagiatoren mögen da als Vorbild dienen, z. B. Bob Dylan "To live outside the law you must be honest". Oder mit Hermann Hesse gesprochen: Gelernt hab ich in der Schule nur Latein und Lügen. Wenn man sich also schon ausserhalb solcher Zugehörigkeiten bewegt, sollte wenigstens genug Substanz vorhanden sein, um weiterhin respektabel bleiben zu können.

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Fußnoten:

  1. Screenshot entnommen http://www.zuguttenberg.de, 24.2.2011
  2. HR2 Der Tag: Geliehener Geist, 21.2.2011, ab Minute 48:45
  3. SWR2 Forum: Wo beginnt oben? Doktortitel und andere Eintrittskarten, 24.2.2001, ab Minute 11:45